Benjamin Müller: Die unsichtbare Macht der Schul-Mitentscheider

Freie Schulen und Waldorf-Einrichtungen stehen unter Druck. Lehrkräfte fehlen, Klassen werden nicht voll und die wirtschaftlichen Herausforderungen nehmen zu. Als Ursachen werden häufig der demografische Wandel, gesellschaftliche Veränderungen oder der zunehmende Wettbewerb im Bildungsbereich genannt. Für Benjamin Müller, Gründer von BM Wachstum und Vater zweier Waldorf-Schülerinnen, greift diese Erklärung jedoch oft zu kurz. In seiner Arbeit mit freien Bildungseinrichtungen beobachtet er regelmäßig ein Problem, das deutlich seltener diskutiert wird: interne Entscheidungsstrukturen, die notwendige Veränderungen ausbremsen. „Es ist häufig nicht der Markt, der Schulen handlungsunfähig macht“, sagt Müller. „Viel öfter scheitern notwendige Entwicklungen an internen Abstimmungsprozessen.“
Wenn Verantwortung auf viele Schultern verteilt wird
Freie Schulen und Waldorf-Einrichtungen zeichnen sich häufig durch eine besondere Form der Mitgestaltung aus. Vorstand, Schulleitung, Kollegium und teilweise auch Elternvertreter wirken an wichtigen Entscheidungen mit. Dieses Modell bietet viele Vorteile. Gleichzeitig kann es dazu führen, dass Entscheidungen deutlich länger dauern als in klassischen Organisationen. Besonders sichtbar wird dies bei Themen wie Schulmarketing, Schülergewinnung oder Lehrergewinnung. Sobald Fragen zur Außendarstellung, Website, Social Media oder Kommunikation diskutiert werden, treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Während einige Beteiligte Handlungsbedarf sehen, äußern andere Bedenken hinsichtlich der Außenwirkung oder der Vereinbarkeit mit den pädagogischen Grundwerten der Schule. „Die Herausforderung besteht nicht darin, dass niemand Verantwortung übernehmen möchte“, erklärt Müller. „Die Herausforderung besteht darin, dass sehr viele Menschen mitentscheiden und dadurch oft niemand die tatsächliche Führungsverantwortung übernimmt.“
Gute Absichten führen nicht automatisch zu guten Entscheidungen
Nach Beobachtungen von Müller verfügen die meisten Beteiligten über hohe pädagogische Kompetenz und großes Engagement für ihre Einrichtung. Strategische Themen wie Schulmarketing, Positionierung oder Bewerbergewinnung gehören jedoch häufig nicht zu ihren Kernaufgaben. Die Folge: Projekte werden diskutiert, vertagt, erneut bewertet und schließlich in Arbeitsgruppen oder Ausschüsse weitergegeben. Entscheidungen werden nicht grundsätzlich abgelehnt, aber auch nicht konsequent umgesetzt. Gleichzeitig wächst der Druck. Offene Stellen bleiben unbesetzt, die Zahl der Anmeldungen entwickelt sich nicht wie gewünscht und wirtschaftliche Herausforderungen nehmen zu. „Viele Schulen wissen, dass sie sichtbarer werden müssten“, sagt Müller. „Die eigentliche Schwierigkeit liegt häufig darin, den Weg dorthin gemeinsam zu beschließen und anschließend konsequent umzusetzen.“
Wenn Werte und Veränderung als Gegensätze verstanden werden
Besonders sensibel wird die Diskussion häufig beim Thema Marketing. Begriffe wie Werbung oder Vermarktung stoßen in vielen freien Schulen auf Vorbehalte. Nach Einschätzung von Benjamin Müller entsteht dadurch manchmal ein unnötiger Gegensatz zwischen pädagogischen Werten und professioneller Kommunikation. „Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Kommerzialisierung“, sagt er. „Eltern können sich nur für eine Schule entscheiden, die sie überhaupt wahrnehmen. Lehrkräfte können sich nur bewerben, wenn sie wissen, dass es diese Schule gibt.“ Wirtschaftliche Stabilität und pädagogische Qualität seien dabei keine Gegensätze. Vielmehr bilde eine stabile wirtschaftliche Grundlage oft die Voraussetzung dafür, pädagogische Konzepte langfristig erfolgreich umzusetzen.
Die eigentliche Frage lautet: Wer entscheidet?
Aus Sicht von Müller liegt die zentrale Herausforderung vieler Einrichtungen nicht im Fehlen guter Ideen. Häufig fehle vielmehr ein klarer Rahmen für Entscheidungen. Wenn neue Maßnahmen zur Schülergewinnung, Lehrergewinnung oder Schulentwicklung vorgeschlagen werden, entstehen oftmals zahlreiche Rückfragen:
- Passt das zu unserer Schule?
- Entspricht das unseren Werten?
- Wie reagieren Eltern und Kollegium?
- Wer trägt die Verantwortung?
Diese Fragen seien grundsätzlich berechtigt. Problematisch werde es jedoch, wenn sie dauerhaft unbeantwortet bleiben und notwendige Entscheidungen immer weiter verschoben werden. „Viele Schulen verfügen bereits über die richtigen Ideen“, sagt Müller. „Was häufig fehlt, ist ein klarer Entscheidungsprozess, der aus Ideen konkrete Maßnahmen macht.“
Zukunftsfähigkeit braucht Führung
Die Herausforderungen freier Schulen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich nicht kleiner. Der Wettbewerb um Lehrkräfte nimmt zu, Eltern informieren sich digital und wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern sich kontinuierlich. Vor diesem Hintergrund gewinnen Themen wie Schulmarketing, Schulentwicklung, Lehrergewinnung und Schülergewinnung zunehmend an Bedeutung. Benjamin Müller ist überzeugt, dass die größten Herausforderungen vieler Einrichtungen nicht außerhalb der Schule entstehen. „Solange ausschließlich über Demografie, Politik oder gesellschaftliche Entwicklungen gesprochen wird, bleiben viele Einflussmöglichkeiten ungenutzt“, sagt er. „Spannend wird es dort, wo Schulen ihre eigenen Entscheidungsstrukturen hinterfragen und Verantwortung aktiv gestalten.“ Für viele freie Schulen könnte genau dort der entscheidende Hebel liegen – nicht nur für volle Klassen und passende Lehrkräfte, sondern auch für ihre langfristige Zukunftsfähigkeit.
Weitere Informationen unter www.bm-wachstum.de.
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BM Wachstum – Gemeinsam Erfolgreich
Benjamin Müller
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